Gruther W., Zorn C., Paternostro-Sluga T., Quittan M., Spiss C., Kainberger F., Crevenna R., Fialka-Moser V.. (2010). Effects of neuromuscular electrical stimulation on muscle layer thickness of knee extensor muscles in intensive care unit patients: a pilot study. https://doi.org/10.2340/16501977-0564
Was diese Studie zeigt
Die Pilotstudie untersuchte den Einfluss der neuromuskulären Elektrostimulation (NMES) auf die Oberschenkelmuskulatur (M. quadriceps femoris) von Intensivpatienten. 33 Patientinnen und Patienten wurden in Akutpatienten (unter 7 Tage ICU-Aufenthalt) und Langzeitpatienten (über 14 Tage) unterteilt. Über vier Wochen erhielten sie an fünf Tagen pro Woche entweder eine aktive NMES oder eine Scheinbehandlung (Sham). Mittels Ultraschall wurde die Veränderung der Muskeldicke gemessen. Das Ergebnis: Nur bei den Langzeitpatienten führte die aktive Elektrostimulation zu einer signifikanten Zunahme der Muskeldicke um +4,9 %, während die Kontrollgruppe einen weiteren Abbau von -3,2 % verzeichnete. Bei Akutpatienten zeigte sich kein signifikanter Unterschied.
Warum das wichtig ist
Ein längerer Aufenthalt auf der Intensivstation führt durch die Immobilisation zu einem rasanten Verlust an Muskelmasse und -funktion (ICU-acquired weakness). Für die physikalische Medizin und Rehabilitation liefert diese Arbeit wichtige klinische Impulse:
- Frühzeitige Intervention: NMES bietet eine passive Möglichkeit zur Muskelstimulation, die bereits angewendet werden kann, wenn Patientinnen und Patienten noch nicht aktiv an einer Bewegungstherapie teilnehmen können.
- Erhalt der Substanz: Der signifikante Unterschied von über 8 Prozentpunkten zwischen Stimulations- und Kontrollgruppe bei Langzeitpatienten zeigt, dass der physiologische Abbauprozess nicht nur gestoppt, sondern umgekehrt werden kann.
- Rehabilitationsfähigkeit: Der Erhalt der Quadrizepsmuskulatur erleichtert den späteren Übergang in die aktive Mobilisation und den Transfer.
Grenzen
Als Pilotstudie ist die Stichprobengröße mit 33 Teilnehmenden sehr gering. Zudem wurde primär die Muskeldicke per Ultraschall als Surrogatparameter gemessen. Ob sich dieser morphologische Zuwachs direkt in einer besseren funktionellen Kraft, einer kürzeren Beatmungsdauer oder einer schnelleren Entlassung widerspiegelt, müssen größere, multizentrische Folgestudien klären.