Die wichtigste Botschaft
Viele warten, bis der Schmerz „bei Null“ ist – und werden dadurch oft nicht besser.
Bei Tendinopathie gilt häufig: gezielte, moderat dosierte Belastung ist Therapie.
Nicht „alles machen“, aber auch nicht „alles lassen“: Wir steuern Last so, dass die Sehne wieder adaptiert.
Begriffs-Map
- Tendinopathie / Tendinosis → Sehne „überfordert“ / fehladaptiert (nicht automatisch Entzündung)
- Reactive tendinopathy → akute Reizphase (hoch irritabel)
- Degenerative tendinopathy → länger bestehende Kapazitäts-/Strukturprobleme
- Reactive-on-degenerative → alte Sehne wird nach Lastsprung plötzlich wieder akut
- HSR (Heavy Slow Resistance) → „schwer & langsam“ Krafttraining mit Progression
→ „Heavy“ heißt nicht ruckartig oder riskant: langsam = oft schmerzarm und kontrollierbar.
- Stoßwelle (ESWT) → Modul zur Gewebemodulation (kein Ersatz für Training)
Quick Navigation
- Worum geht es medizinisch?
- Häufige Muster / Diagnosen
- Differentialdiagnosen
- Symptome & Muster
- Red Flags
- Verlauf
- Diagnostik
- Therapieoptionen – und typische Limitierungen
- Wann ein spezialisiertes Programm sinnvoll wird
- FAQ
1) Worum geht es medizinisch?
Die Sehne passt sich über Mechanotransduktion an Last an. Wenn Last zu schnell/zu hoch/zu unregelmäßig steigt („load mismatch“), kippt die Anpassung: Schmerz, Irritabilität, Leistungsabfall.
Ein hilfreiches Bild ist das Doughnut-Modell: Selbst wenn im Zentrum der Sehne degenerative Anteile bestehen, ist oft noch genug belastbares Gewebe „drum herum“ trainierbar. Genau deshalb ist ein schlechtes MRT nicht automatisch ein Trainingsverbot.
Die Therapie ist eine Steuerungsaufgabe: Last dosieren, Kapazität aufbauen, Return-to-Sport planbar machen.
2) Häufige Muster / Diagnosen
- Achillessehne: mid-portion (2-6 cm oberhalb Ansatz) vs insertional (am Ansatz)
- Patellasehne: Patellaspitzensyndrom / „Jumper’s knee“
- Ellenbogen: lateral epicondylalgia („Tennisellenbogen“)
- Hüfte: gluteale Tendinopathie / GTPS (Bursa-DDx)
- Schulter: rotatorenmanschetten-assoziierte Schmerzen
3) Differentialdiagnosen
- (Teil-)Ruptur: plötzlicher „Knall“, Hämatom, Kraftverlust
- Stressreaktion/Stressfraktur: tiefer Knochenschmerz („bone pain“), teils Ruheschmerz
- Bursitis/Impingement: v. a. Schulter/GTPS (Seitlage-Schmerz)
- Radikulopathie: Ausstrahlung + neurologische Zeichen
- Arthritis/Arthrose: Gelenk-dominant (ROM/Erguss/Entzündungszeichen)
- Enthesitis (Spondyloarthropathie): Ansatzschmerz + Systemhinweise
4) Symptome & Muster
Typisch:
- Anlaufschmerz (erste Schritte / erste Wiederholungen)
- Belastungsschmerz
- Nachschmerz (wie lange „hängt“ es nach der Belastung?)
- Leistungsabfall
Entscheidend ist nicht nur „wo tut’s weh“, sondern: wie schnell steigt Schmerz bei Last und wie lange bleibt er danach?
| Muster | Typische Beschwerden | Alltags-Trigger / einfache Checks |
|---|---|---|
| Achilles (mid-portion) | Anlaufschmerz, Lauf-/Sprungschmerz | einbeinige Zehenspitzen-Wdh (Heel raises), Druckschmerz 2-6 cm oberhalb Ansatz |
| Achilles (insertional) | Schmerz direkt am Ansatz | Schmerz bei Treppen/Anstieg, Vorsicht mit tiefem „Fersen runter“ (starke Dorsalflexion = Fuß anheben) |
| Patella (Jumper’s knee) | Schmerz unter/unterhalb Kniescheibe | Treppen runter, Kniebeuge (v. a. auf schiefer Ebene/Decline) |
| Tennisellenbogen | Schmerz außen am Ellenbogen | Glas heben, Maus klicken, Händedruck, Handgelenkstrecken gegen Widerstand |
| Gluteus/GTPS | lateraler Hüftschmerz, Seitlage schmerzhaft | auf der Seite liegen, einbeinig stehen, Treppen/bergauf |
| Schulter (RM) | Schmerz bei Überkopf/seitlich | Jacke anziehen, Tasche heben, Arm seitlich abspreizen (Abduktion), Außenrotation gegen Widerstand (Kontext) |
Tendinopathien sind oft punktgenau. Ein Bild hilft Patienten sofort beim Selbst-Check.
!Schmerzpunkte Tendinopathie: Achillessehne 2-6 cm, Achillessehnenansatz, Patellaspitze, lateraler Epicondylus, Trochanterregion (GTPS), Rotatorenmanschette
5) Red Flags
Zeitnah abklären bei:
- plötzlicher Knall + Kraftverlust + Hämatom (Ruptur-Verdacht)
- belastungsabhängiger Knochenschmerz + Ruheschmerz (Stressfraktur-DDx)
- akute Wadenschwellung/Wärme/Schmerz (Thrombose-DDx)
- Fieber, starke Rötung, starke Ruheschmerzen (Infekt-DDx)
- neurologische Ausfälle/ausstrahlender Schmerz (radikuläre DDx)
- mehrere Ansatzschmerzen + Morgensteifigkeit + Psoriasis/IBD-Hinweise (entzündliche System-DDx)
6) Verlauf
Sehnenadaptation braucht Wochen bis Monate. Chronisch wird’s typischerweise bei:
- Beschwerden >3 Monate
- wiederkehrenden Überlastungszyklen
- fehlender Progressionslogik
Klassiker: reactive-on-degenerative (Lastsprung → plötzlich wieder „akut“).
7) Diagnostik
Schritt 1 (Pflicht): Klinik
- Sehnenkörper vs Ansatz, Irritabilität, Nachschmerz-Dauer
- Lastprofil (Volumen/Intensität/Schuhe/Untergrund/Stress/Schlaf)
- Kapazitätstests (z. B. Heel-raises, Decline-Squat, Greif-Tests)
Schritt 2 (selektiv): Bildgebung
- Ultraschall: Struktur/Partial tears/Bursa-DDx
- MRT: unklarer Verlauf, Ansatzpathologie, Stressreaktion, OP-Planung
7b) System-Logik
Metabolische Faktoren (Diabetes/Insulinresistenz, Dyslipidämie), Rauchen, bestimmte Medikamente (z. B. systemische Steroide, Fluorchinolone) und Schlafmangel können Heilung bremsen.
Schlaf ist ein Regenerations-Killer, wenn er schlecht ist: Sehnen sind kollagene Strukturen und brauchen Regeneration – gerade bei chronischen Verläufen ist das oft der „unsichtbare Bremsklotz“.
die Entzündungs- und Schmerzachsen mit antreiben können. Ebenso können entzündliche systemische Erkrankungen (Silent Inflammation) wechselnde Sehnenentzündungen triggern.
Warum wir das prüfen: Damit wir nicht nur trainieren, sondern Faktoren entfernen, die die Reizbarkeit hochhalten.
8) Therapieoptionen – und typische Limitierungen
Basis ist progressive Belastung:
- Isometrie (Schmerzmodulation + Einstieg trotz Irritabilität)
- HSR / Kraftaufbau (langsam, kontrolliert, progressiv)
- Impact/Return-to-Activity (kriterienbasiert)
Module (selektiv, als Brücke):
- Stoßwelle und andere individuell angepasste physikalische Therapieoptionen
Gerade bei reactive-on-degenerative Mustern ist der Einstieg oft Kälte + Isometrie + Lastsenkung, nicht aggressives Dehnen. Vor allem an kompressionssensitiven Ansätzen kann „mehr Stretch“ die Reizung sogar verstärken.
Wenn du in der Schleife aus Schonung → kurzer Versuch → Rückfall festhängst, ist meist ein gestuftes Belastungsprogramm mit abgestimmten therapeutischen Interventionen sinnvoller als die nächste Einzelmaßnahme. Genau dafür ist das TENDI-Programm gedacht.
9) Wann ein spezialisiertes Programm sinnvoll wird
- Beschwerden >6-12 Wochen ohne stabilen Fortschritt (spätestens >3 Monate)
- Rückfälle bei Belastungssteigerung
- unklarer Treiber: Sehne vs Bursa vs Nerv vs Knochen
- du brauchst einen Return-to-Sport/Work-Fahrplan statt „abwarten“